Anfang dieses Jahres saßen sie noch nebeneinander im Klassenzimmer und ein klar strukturierter Schultag mit Lehrer*innen vorne an der Tafel war das Normalste der Welt. Mitte März schickten die jeweiligen Landesregierungen ihre Schüler*innen in die eigenen vier Wände zurück zum Homeschooling. Auch wenn die Schulen nun nach und nach wieder öffnen, von normalen Unterrichtsbedingungen werden wir noch lange nicht sprechen können. Soweit so bekannt. Doch diese Situation zieht ein schwerwiegendes Problem mit sich: Laut einer Umfrage des deutschen Schulportals gehen 86% der Lehrkräfte davon aus, dass sich die Effekte der sozialen Ungleichheit durch die Schulschließung verstärken werden. Diese Befürchtungen sind nicht nur erdacht, sie fußen auf Studien. 

Der Ferien-Effekt

Der Leiter des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik in München, Ludger Wößmann berichtet von Untersuchungen an Schulkindern vor Beginn und nach Ende der Sommerferien. Die Auswirkungen dieser unterrichtsfreien Zeit auf die schulischen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen nennt man auch den Ferien-Effekt. Bei Kindern aus bildungsfernen Schichten zeigte sich in diesem Zusammenhang ein starker Leistungsrückgang, während Schüler*innen aus beispielsweise akademischen Elternhäusern zum Teil sogar ihre Leistungen verbesserten.[1]

Forderungen an die Kultusministerkonferenz

Vor allem im Homeschooling werden die unterschiedlichen Bedingungen für die jeweilige Schullaufbahn eines*einer Schüler*in deutlich: „Es fehlen vielfach nicht nur die erforderlichen digitalen Geräte und der Internetzugang. Vor allem sind die Möglichkeiten der familiären Unterstützung eingeschränkt, denn nicht alle Eltern beherrschen das in der Schule geforderte Deutsch und sind vertraut mit den Bildungsinhalten.“ So heißt es in dem offenen Brief, den 42 Bildungsforscher*innen und -expert*innen an die Kultusministerkonferenz gerichtet haben. Ziel des Briefes: darauf aufmerksam zu machen, dass für Schüler*innen mit besonderem Förder- oder Unterstützungsbedarf möglichst schnell wieder Präsenzangebote im gewohnten Schulumfeld angeboten werden sollten. 

Passiert schon was? 

Nicht nur Lehrer*innen, Schulleiter*innen, Wissenschaftler*innen und Journalist*innen machen gerade auf das Thema aufmerksam. Auch Bildungsorganisationen einzeln oder im Zusammenschluss als „Solidaritätspakt Bildung“ appellieren, sich mit der steigenden Bildungsungerechtigkeit und den Bedürfnissen von Schüler*innen auseinanderzusetzen. Denn im Gegensatz zur Autoindustrie, zum allgemeinen Einzelhandel oder zur Fußballbundesliga haben Schüler*innen keine Lobby, die für ihre Interessen eintritt. Wo bleiben also nun die politischen Maßnahmen, die Schüler*innen und Bildungsgerechtigkeit bedenken?

Die Forderungen aus dem offenen Brief hat die Kultusministerkonferenz mit in das Rahmenkonzept für die Wiederaufnahme von Unterricht in Schulen aufgenommen. 

Außerdem hat der Koalitionsausschuss beschlossen, dass insgesamt 500 Millionen Euro mobilisiert werden sollen, um bedürftige Schüler*innen mit den benötigten Geräten für den digitalen Unterricht auszustatten und professionelle online Lehrangebote zu erstellen.[2]

Das ist ein erster Schritt in die vermutlich richtige Richtung. Das wird aber bei weitem nicht ausreichen. Denn auch wenn alle Schüler*innen mit genügend Endgeräten ausgestattet wären, bleiben immer noch die ungleichen Lernbedingungen im Homeschooling. 

Mehr als Schulstoff und Digitalisierung 

Es steht außer Frage, dass während dieser Pandemie der Schutz jedes Einzelnen an erster Stelle stehen sollte. Ein partielles Homeschooling mit wenigen Wochentagen in der Schule scheint deshalb ein notwendiger Kompromiss zu sein. Damit ist es aber noch lange nicht getan. Was zusätzlich dringend gebraucht wird ist der Ausbau von Unterstützungsangeboten, die nicht nur das fachbezogene Üben und Verstehen der Schüler*innen sicherstellen, sondern durch das Zusammenspiel mit Klassenkameraden und Lehrer*innen auch den sozialen Aspekt des ganz normalen Schulalltags ersetzen. Denn dieser Austausch ist ebenso wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung wie es das Lernen für die berufliche Zukunft ist. 

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie dahingehende Maßnahmen konkret aussehen könnten. Eine davon wäre, bereits bestehende Organisationen, die sich professionell für die Unterstützung benachteiligter Schüler*innen einsetzen, wie beispielsweise Nachhilfeinstitute in ihrem Vorhaben zu bestärken und finanziell zu fördern. Das gleiche gilt für Anbieter*innen von Seminaren, Mentoring- und Coaching-Programmen zur persönlichen Weiterentwicklung, von denen die Schüler*innen in dieser Zeit zusätzlich unterstützt werden können. Außerdem ist ein schneller und kompetent angeleiteter Ausbau der digitalen Strukturen ein ausschlaggebender Faktor für ein besseres Homeschooling. 


[1] https://www.sueddeutsche.de/bildung/schulschliessung-kinderbetreuung-ungleichheit-1.4849489

[2] https://www.bmbf.de/de/karliczek-in-zeiten-von-corona-foerdern-wir-digitales-lernen-wie-noch-nie-zuvor-11453.html

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